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kostenlose Leseprobe – Max van Berque: Tod am See

Max van Berque schickt in seinen Kriminalromanen seinen Ermittler Hardy Sylvester auf Reisen. Eine kostenlose Leseprobe findest du hier.

Der Schrei war laut. Er war erstaunlich laut. Jedenfalls dafür, dass dem schreienden Menschen langsam aber sicher die Luft weg blieb. Seine einsetzende Atemnot wurde begleitet von einem fiesen Kribbeln und Jucken im ganzen Rachen.
Dieser Schrei ging durch Mark und Bein. Wer ihn hörte, wusste, dass es hier um mehr als einfache Wut ging. Ja um Wut ging es auch. Denn er wusste, was mit ihm geschah und genau so wusste er auch, dass ihm das niemals selbst passiert wäre. Jemand, irgendjemand, der ihn und seine unsichtbare Schwäche kannte, wollte ihn umbringen.

Blöd nur, dass Menschen in Todesangst Fehler machen. Sein erster Fehler war es, nicht sofort die 112 und damit die Rettung zu rufen. Sein zweiter Fehler war es, seine Notfallspritze nicht am Mann zu haben.

Das Bild, das sich einem zufälligen Betrachter geboten hätte, konnte nicht widersprüchlicher sein. Er war es gewohnt vor Publikum zu sprechen, Verantwortung zu tragen und das Unternehmen, bei dem er angestellt war, zu repräsentieren. Demnach achtete er auf ein gepflegtes und standesgemäßes Äußeres. Unter seinen Kollegen galt er als beherrscht und zuverlässig. Seine silbernen Schläfen verrieten, dass er auf die Fünfzig zu ging, sein maßgeschneiderter, grauer Anzug stand für seinen gediegenen Geschmack.
Seine Krawatte hatte er gelockert, das Jackett über die Stuhllehne neben sich gehängt. Heute musste er erst spät ins Unternehmen. Solche Tage waren selten. Er genoss sie. Heute nutze er die geschenkte Zeit für eine ausgiebige Zeitungslektüre bei einer Tasse Tee, am langen  Esstisch, seines großzügig geschnittenen Esszimmers, das von der Küche nur durch einen Tresen, und vom Wohnzimmer gar nicht getrennt war.

Jetzt sprang er auf. Sein Verstand verriet ihm schon beim ersten Kribbeln im Rachen, dass er sich in seiner vertrauten Umgebung eine Blöße gegeben hatte, die jemand ausgenutzt haben musste.
Sein Stuhl schlug hinter ihm auf das teure Parkett aus den siebziger Jahren. Er starrte auf die Tasse vor ihm, und auf die Teebeutel, die noch in der gläsernen Kanne hingen. Seine Augen waren weit aufgerissen und er stürzte aus dem weitläufigen Wohnzimmer. Er hatte keinen Blick für den englischen Rasen, der sich hinter den Panoramascheiben in sattem Grün bis zu den hochgewachsenen Buchen am Ende des Grundstücks erstreckte. Er lief vorbei an der verspiegelten Wand im Eingangsbereich, nahm zwei Stufen auf einmal. Fast oben, nahm er drei Stufen. Die Spitze seines polierten Schuhs blieb an der obersten Stufe hängen. Er strauchelte, schlug auf den Boden. Sein Blick war starr auf die Badezimmertür gerichtet. Dort befand sich sein Notfall-Stick. Er würde ihn mit der rettenden Flüssigkeit in seinen Oberschenkel rammen.

Er hörte die Stimme seiner Ärztin. Stoßen sie den Stick in ihren Oberschenkel. Wenn sie ihn in den Finger rammen, platzt er. Dabei hatte sie nicht gelächelt, wie sie es sonst bei Scherzen tat, daraus hatte er geschlossen, dass es kein Scherz war und sich jede weitere Nachfrage erspart. Seine Lunge pfiff. Unmengen Luft musste er inzwischen in seine Lungenflügel saugen, damit wenigsten ein bisschen Sauerstoff seine Blutbahn erreichte.
Es musste schnell gehen, das wusste er. Es war ein Wettlauf zwischen ihm und der Ohnmacht. Ein Rennen zwischen Leben und Tod. Würde seine Lunge zu lange zu wenig Sauerstoff aufnehmen, würde das Kohlendioxid in seiner Blutbahn ansteigen. Er würde das Bewusstsein verlieren.

Längst dachte er an nichts anderes mehr. Seine Wut wurde von der Anstrengung am Leben zu bleiben verdrängt. Die nächste Aufgabe war wichtiger, als die Frage, wer ihm das angetan hatte. Wer wollte ihn umbringen? Es musste ein Mordversuch sein. Jetzt interessierte es ihn nicht. Die Wut, die sich in seinem Schrei ausdrückte, hatte ihn schon zu viel Kraft gekostet. Schwankend stand er auf. Stützte sich an der Wand ab. Die teuren Drucke in den edlen Rahmen, von seiner Frau ausgesucht, von ihm bezahlt, schlugen auf den Boden. Ihr Glas zerbarst. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Mit zitternden Händen wühlte er in den Schubladen neben dem großen Spiegel. Da lag der Stick – eigentlich lag da ein Stick. Jetzt, da er ihn brauchte, war der Notfall-Stick weg.

Schweiß trat auf seine Stirn. Was er im Spiegel sah, war nur noch verschwommen. Sein Gesicht war rot angelaufen. Er stürzte raus auf den Flur. Rutsche die Treppe auf seinen glatten Ledersohlen mehr runter, als er sie lief. Das Telefon, die Küche. Sein Blick war starr, sein Pupillen lieferten nur noch undeutliche Bilder.
Er hatte die 112 gewählt. Er versuchte zu sprechen als ein tiefes Schwarz sich vor seine Augen senkte. Den Aufschlag auf die Küchenfliesen hatte er nicht mehr bemerkt. Genauso wenig, dass er die grüne Taste an seinem Telefon nicht gedrückt hatte.

Seinen Schrei hatte niemand gehört. Ihn konnte niemand hören. Die Fenster und Türen der gepflegten Villa waren, entgegen der Gewohnheit, säuberlich verschlossen und wer sonst noch an diesem Tage in diesem Hause erwartet wurde, würde erst in einer Stunde seinen Schlüssel in das Schloss der Haustür stecken.

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Der Jugendkrimi von Max van Berque: Ein Bad zuviel.

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